Hannah Kerschner: "eine neurotische frau" (2024)
eine neurotische frau
blickt in die blume
sie sieht sich selbst
in ihr
sie sieht sich überall
findet sich immer wieder
ihre welt ist
sie
sie
ist ihre welt
die welt besteht aus ihr, aus ihr besteht die welt
wenn sie sich nicht findet, ist sie verloren
sie ist verloren in der welt
die welt ist groß
und sie ist klein
winzig
nichts
in ihrem nichts gefangen
ohne identität
denn
dafür muss man sein
aber sie ist nichts
sie sucht und findet
nichts
existenzlose existenz
glück in der einfachheit
zufriedenheit im vakuum
nervöses zittern
die bewegung tritt in die welt
bewegung von nichts zur welt
sprachloser sprecher
bedeutungslose bedeutung
botschaftslose botschaft
nutzloses nichts.
"das waschbecken" 2024
oil, acrylics on canvas, 46 x 43 cm
Hannah Kerschner: "das waschbecken" (2024)
wir waschen das dreckige geschirr
damit es sauber wird
sauber
glatt
rein
muss der körper sein
welcher körper?
wer wäscht das geschirr?
der körper
der sich sauber machen muss
wäscht das dreckige geschirr
das ebenso sauber werden muss
sauber zu sein
zu werden ist das ziel
wir können uns dreckig sein nicht leisten
andere können sich dreckig sein leisten
wir aber bestimmt nicht
deswegen müssen wir das dreckige geschirr
sauber machen:
wir müssen in das tagelang stehende schmutzwasser greifen und die aufgeweichten dreckstücke vom geschirr pflücken
aber nicht wie bei erdbeeren
um sie zu essen
oder:
aber nicht wie bei blumen
um sie zur schau zu stellen
sondern:
wir entsorgen den dreck im müll
dort ist er bald nicht mehr unser problem
das abgepflückte geschirr ist noch nicht sauber:
es muss noch eingeschäumt, geschrubbt, abgespült, abgetrocknet und poliert werden
das gleiche machen wir mit unserem körper
denn
auch dieser muss sauber werden
sauber sein
das geschirr ist sauber
wir hingegen bleiben dreckig
auch
wenn wir den vorgang immer wieder durchführen.